Landesschülervertretung Hessen kritisiert alltäglichen Sexismus im Klassenzimmer

Die hessische Landesschülervertretung beklagt die beträchtlichen Ungleichheiten im Umgang mit Jungen und Mädchen im Bildungswesen. Obwohl die hessische Landesverfassung die Gleichheit der Geschlechter in Artikel 1 festschreibt, stellen sich im alltäglichen Schulbetrieb enorme Defizite in der Verwirklichung dieses Grundsatzes heraus. Dies beginnt bereits in der Grundschule, wie die kürzlich veröffentlichte Studie „IQBBildungstrend 2016“ neben dem Ergebnis, dass sich deutsche Grundschülerinnen und Grundschüler sowohl im Fachbereich Mathematik als auch Deutsch im Vergleich zu 2011 deutlich verschlechtert haben, zeigt. Die Studie präsentiert nämlich ebenfalls, dass deutschlandweit Mädchen im Fach Deutsch deutlich besser als Jungen abschneiden, während es im Fach Mathematik genau umgekehrt ist. Damit ist Sexismus im Klassenzimmer nicht nur ein hessenweites sondern sogar bundesweites Problem.

Dies zeigt sich vor allem auch darin, dass Mädchen und junge Frauen nach wie vor von mathematisch-naturwissenschaftlichen Inhalten sowie vom Fach Informatik abgehalten werden und daher auch in diesen Studiengängen stark unterrepräsentiert sind. „Hier erleben wir leider, dass ein Geschlechterbild des vorletzten Jahrhunderts noch immer in den Köpfen von Lehrkräften, aber auch von Eltern schwirrt.“, kritisiert Landesschulsprecher Fabian Pflume. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Zwar haben auch biologische Gegebenheiten wie die Pubertät Auswirkungen auf die schulischen Leistungen, entscheidend seien allerdings die gesellschaftlichen Einflüsse.

Die drastischen Konsequenzen dieser Einflüsse zeigen sich deutlich: Im Vergleich zu Jungen mit identischen Kompetenzen im mathematischen Bereich vertrauen Mädchen deutlich seltener auf ihr eigenes Können. Dadurch sei im Anschluss an Schule und Studium auch der Frauenanteil bei den besonders gut bezahlten Berufen im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) geringer als der von Männern. Letztlich ist auch dies ein Faktor, der erheblich zur Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen beiträgt.

Aber auch Jungen erfahren im schulischen Umfeld Ungleichbehandlung: Unter den Schulabgängern ohne Abschluss sind etwa 65% Jungen, lediglich 35% Mädchen. Das Anforderungsniveau für eine Gymnasialempfehlung nach der Grundschule liegt gerade in Hessen bei Mädchen und Jungen weit auseinander – im Bundesvergleich belegt man Platz 13.

Die Landesschülervertretung macht sich deshalb dafür stark, die bestehenden Rollenbilder endlich aufzubrechen und tatsächliche Gleichbehandlung zu verwirklichen. Ein Rollenunterschied darf in keinem Fall von klein auf anerzogen und dem Nachwuchs so vermittelt werden, er müsse sich in irgendwelche vorgefestigten Bilder, die man eben von den Geschlechtern habe, fügen. Sinnvolle Ansätze wie der „Girls & Boys Day“, an dem Schülerinnen und Schüler klassische Frauen- bzw. Männerberufe praktisch kennenlernen, gilt es zu fördern. „Solche Konzepte können allerdings nur schwer gelingen, wenn die Teilnahme an diesen Programmen mit Nachteilen für die Schülerinnen und Schüler durch verpassten Unterricht einhergeht.“, bedauert Landesschulsprecher Fabian Pflume. Ebenso sei es inakzeptabel, dass offener Sexismus in Schulen nach wie vor geduldet wird. „Hier ist eine gezielte Sensibilisierung und bessere Aufklärung von Lehrer- und Schülerschaft dringend erforderlich“, mahnt Pflume. Dazu gehöre auch, Lektüren weiblicher Autoren in den Lehrplan der Oberstufe aufzunehmen, ergänzt Isa-Yael Roth, stellvertretende Landesschulsprecherin. „Wie bizarr sei es denn in einem Deutsch-Leistungskurs, der nur aus Mädchen besteht, zu sitzen und ausschließlich Werke männlicher Autoren zu behandeln?“, wirft sie in den Raum.

Eine wichtige Rolle kommt im gesamten Sozialisationsprozess natürlich auch den Eltern zu. „Wird im Elternhaus vorgelebt, dass sich Mädchen mit ihrer Barbie und der Spielküche zu beschäftigen haben und es einen großen Aufschrei gibt, wenn der Sohn lieber mit Puppen als mit Autos spielt, sind spätere Korrekturen in der Schule nur schwer möglich“, gibt Roth weiterhin zu bedenken.