Interview mit Landesschulsprecher “Neue Schulschließungen sind fatal”

Veröffentlicht am 16.04.21 um 14:22 Uhr

Am Montag enden die Osterferien – aber in einigen Kreisen bleiben die Schulen für die meisten Schüler dicht. Im Interview erklärt Landesschulsprecher Dennis Lipowski, warum er das für falsch hält.

Der Distanzunterricht hat vielen Schülerinnen und Schülern hart zugesetzt, sagt Dennis Lipowski, Vorsitzender der Landesschüler*innenvertretung Hessen. Zwar sei die geplante Testpflicht an Schulen ein wichtiger Schritt. Er hätte sich aber gewünscht, dass sie mit weiteren Öffnungsschritten verknüpft worden wäre, meint Lipowski im Interview. Die komplette Schließung der Schulen bei einer Inzidenz von über 200 hält er für falsch.

hessenschau.de: Herr Lipowski, das Kultusministerium hat am Donnerstag bekannt gegeben, dass in Kreisen und kreisfreien Städten mit einer Inzidenz über 200 die Schulen am Montag nach den Osterferien auch für die Klassen eins bis sechs geschlossen bleiben. Wie steht die Landesschüler*innenvertretung Hessen dazu? 

Dennis Lipowski: Unsere Forderung ist ein Präsenztag als Minimum auch bei einer Inzident von über 200. Es bedeutet, dass man einen Tag in die Schule kommt. Wenn Sie sich eine normale Mittelstufenschule angucken oder eine Grundschule, die hat vier oder fünf Jahrgänge: Wenn da an jedem Tag der Woche nur ein Jahrgang kommt, dann haben Sie das Fünffache an Räumlichkeiten, um die Kinder zu verteilen. Da wären auch große Abstände möglich.

Da geht es natürlich auch nicht mehr ums Lernen, es sind pädagogische Gründe. Lehrerinnen und Lehrer als pädagogisch geschulte Kräfte könnten dann aber einen Blick auf die Kinder und Jugendlichen werfen, schauen, wie es ihnen geht, und ihnen eventuell Hilfsangebote machen.

hessenschau.de: Gleichzeitig laufen aber die Intensivstationen voll, Intensivmediziner und Virologen fordern einen erneuten harten Lockdown.

Lipowski: Wenn jetzt neue komplette Schulschließungen kommen, dann ist das fatal. Es wird kaum ein Augenmerk auf psychische Erkrankungen gelegt. Für die gibt es keine gut aufbereiteten, greifbar gemachten Karten. Gäbe es die, könnte man sie gut entgegenstellen. Für uns wäre wichtig, die Öffnung zum Beispiel von Baumärkten oder anderen großen Einkaufsketten zu überdenken und dafür aber die Kinder zur Schule zu lassen.

Das große Problem unserer Altersgruppe sind die 30 Prozent, die inzwischen psychische Auffälligkeiten entwickelt haben. Dazu kommen sicher noch einmal 30 Prozent, die sich zwar über Wasser halten können, aber auch extrem leiden. Auf einer Karte wäre die psychische Inzidenz sicher auch über 100.

hessenschau.de: Mit welchem Gefühl gehen Sie kommende Woche in Ihre Abiturprüfungen?

Lipowski: Ich schreibe am Donnerstag meine erste Abiturprüfung in Politik und Wirtschaft. Durch die Möglichkeit, uns zu testen und die Maske dann abnehmen zu können, ist das Gefühl in der Prüfung selbst erst einmal ziemlich gut. Es gibt kaum jemanden, der Angst hat, sich dort anzustecken.

Wie der Stoff aufgearbeitet wurde, ist die andere Frage. Wir haben festgestellt, dass wir im Großen und Ganzen alles gemacht haben, was der Lehrplan vorsieht, aber nicht in der Tiefe wie normalerweise. Das ist aber genau das, was im Abitur eigentlich immer abgefragt wird. Also, alles “mal ein bisschen machen” hilft nicht, weil man seine Schwerpunktthemen hat, die man in der Tiefe können sollte.

hessenschau.de: Das heißt, auch in den Abschlussklassen hat der teilweise fehlende Präsenzunterricht Lücken gerissen. 

Lipowski: Gerade in Fächern wie Politik und Wirtschaft, bei denen es stark auf die Diskussionen im Unterricht ankommt, hat der Distanzunterricht nicht gut funktioniert. Es kam sehr auf die Lehrkräfte an. Ein positives Beispiel ist mein Physiklehrer, Physik ist mein zweiter Leistungskurs.

Mein Lehrer dort hat sofort angefangen, Videokonferenzen zu machen, so dass wir fast normal weitermachen konnten. Wir konnten uns unterhalten, Fragen stellen, es war so, wie es laufen sollte. Aber selbst da fehlte etwas, weil die Experimente nicht stattfinden konnten.

hessenschau.de: Sie sagen, Sie gehen ohne Angst vor Ansteckung in die Prüfungen. Sie bewerten es also positiv, sich testen zu können?

Lipowski: Vor allem die Umsetzung in den Prüfungen, dass man keine Testpflicht hat, die Maske aber absetzen kann, wenn man mitmacht, diesen Kompromiss hatten wir dem Kultusminister so vorgeschlagen. Dass er ihn angenommen hat, hat uns sehr gefreut, denn die Ausgangssituation war zunächst, dass alle in den Prüfungen die Masken tragen müssen.

hessenschau.de: Für die anderen Jahrgänge hat das Land ja nun eine Testpflicht eingeführt. Hier sorgt sich unter anderem der Landeselternbeirat um Stigmatisierung, wenn einzelne Schülerinnen und Schüler vor allen anderen positiv getestet werden.

Lipowski: Diese Sorge teilen wir, denn es ist in der konkreten Situation natürlich eine große psychische Belastung. Hier hätte man Konzepte entwickeln können, die vertrauenswürdige Menschen einbinden, mit denen die Kinder die Tests außerhalb des Klassenverbandes machen. Für uns wären die Tests eine gute Möglichkeit gewesen, um die Schule deutlich weiter zu öffnen.

Dass die siebten bis elften Klassen auch bei einer Inzidenz von unter 200 weiter zu Hause bleiben müssen und man die Möglichkeit hat verstreichen lassen, sie zurück in die Schule zu holen, das ist unser großer Kritikpunkt. Diese Schülerinnen und Schüler sitzen seit den Weihnachtsferien zu Hause und kommen wieder nicht raus.

hessenschau.de: Worunter leiden diese Schülerinnen und Schüler am meisten? An der mangelnden Ausstattung? Sind es psychische Probleme?

Lipowski: Vier Monate allein zu Hause zu sitzen, das tut niemandem gut. Mehrere Studien haben ja inzwischen gezeigt, dass es selbst für die Schülerinnen und Schüler nicht gut ist, die nicht ernsthaft psychisch erkranken. Alle brauchen ein Stück weit Normalität. Abstand halten, sich testen, Masken: Es gibt inzwischen so viele Faktoren, die den Schulbesuch sicherer machen.

Die Klassen ab der siebten zu Hause zu lassen, war laut Kultusminister eine politische Entscheidung. Das frustriert uns unglaublich. Von der Stoffvermittlung sind wir im Homeschooling total weg, das funktioniert nicht. Auch wenn es besser geworden ist.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 15.04.2021, 19.30 Uhr

Quelle: hessenschau.de

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